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27 November 2007 @ 11:55 pm
Missbrauch, Mitleid, Empathie, Familie  
Das Rätsel menschliches Verhalten scheint sich zu lichten:

Asperger [-Autisten] scheinen die Gefühle Angst (gesellschaftliche Scheu) und Mitleid nicht zu besitzen, die anscheinend die Navigation innerhalb der Gesellschaft überhaupt erst ermöglichen. Scheu scheint gesellschaftliche Abstoßung zu bewirken. Mitleid scheint das Gefühl zu sein, welches gesellschaftliche Anziehung bewirkt. Dabei scheint es sich um ein ähnliches Gefühl zu handeln wie jenes, das Philip K. D*ck in Blade Runner beschreibt:

"Jedenfalls schien die Mitleidsfähigkeit einen unbeschädigten Gruppeninstinkt vorauszusetzen; ein Einzelindividuum, etwa eine Spinne, hätte keine Verwendung dafür."



***

Ich war heute bei einem Videoabend der Kirche, einem gruseligen Kurztrip in die Welt des Abartigen für die angebliche Mitte der Gesellschaft. Keine richtigen Betroffenen sondern Videos, damit man den Grusel abschalten und nach Hause gehen konnte, falls es doch zu anstrengend würde. Das Thema war Missbrauch, was einmal wieder reduziert wurde auf das bildzeitungsmäßige "s*xueller Missbrauch von Kindern" und Betroffenheitsrhethorik.


Die Botschaft war:


  • "Missbrauch" ist in erster Linie "s*xueller Missbrauch" und geschieht durch den bösen Fremden.

  • "Missbrauch" kann durch Geld verhindert bzw. behoben werden.

  • Sowas gibt es hier ja nicht.


    Daneben wurde wieder mal wieder in bester "Versöhnungsmanier" die Täter- und Opferperspektive verdreht. Für einen Asperger eine Lehrstunde in Gruppenkonsens.


    Viel häufiger ist:


  • "Missbrauch" kann in den unbestreitbar grässlichen Fällen von sexueller Gewalt enden – beginnt aber immer bzw. wir bedingt durch ein Klima emotionaler Gewalt, z. B. Geringschätzung, Mobbing, Krankheit als Waffe etc.

  • Missbrauch kann durch "böse Fremde" verübt werden, geschieht zum größten Teil in den Familien und ist auch Voraussetzung oder Triebkraft, damit die Fassade der Familie erhalten bleibt.

  • Missbrauch kann durch Verwahrlosung begünstigt werden, hat aber primär mit Geld nichts zu tun, sondern mit Verhaltenskodizes, die als Ganzes, ebenso wie die genetische Veranlagung der Einzelmitglieder, vererbt werden. Opfer werden Täter. Missbrauch pflanzt sich fort, immer weiter, u. U. von Generation zu Generation.


    Ich habe versucht, ein paar Informationen anzubringen, inmitten der Betroffenheitslyrik, die bequem ist, weil sie zumeist ohne Konsequenzen bleibt. (Erst reden, dann denken. Ein typisches Aspergerverhalten.) Hätte ich genügend Mitgefühl besessen, wäre mir anscheinend sehr schnell klar geworden, dass das Ziel der Veranstaltung war, etwas gegen Misshandlung zu bewegen, sondern sich berührt zu fühlen. Hätte ich einen Funken gesellschaftliche Scheu besessen, so hätte mich autistische Risikoblindheit überhaupt nicht dazu bewegen können, den Mund aufzutun.

    Angesichts dieses Erlebnisses bin ich mir überhaupt nicht mehr so sicher, ob die angeblich "menschliche" Eigenschaft des Mitleids de facto so erstrebenswert sein sollte, bzw. ob der Asperger in häufigen Mitleidsunfähigkeit im Vergleich zum neurotypischen Spektrum tatsächlich so eingeschränkt ist.

    Ich werde mich um geistliche Beratung bemühen, da ich in dieser Frage aus eigener Kraft erstmal nicht mehr weiter weiß.


    Shakespeare, Richard III.

    "Das wildste Tier ist doch des Mitleids fähig;
    Ich habe keins, und bin darum kein Tier."


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    Current Music: Beatles - I am the Walrus
     
     
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    ylvalie: Fragil[info]ylvalie on November 27th, 2007 11:47 pm (UTC)
    Meiner Meinung nach ist die Form des 'Mitgefühls', die du hier beschreibst, kein reines Mitleid. Ich definiere darunter nämlich das Bedürfnis, etwas gegen das Leid zu
    tun
    .
    Siehe auch Schopenhauers Werk "über das Mitleid".


    Heute haben wir einen Film über globale Erwärmung gesehen.
    Vom Aufbau her dürften beide Videos gleich aufgemacht worden sein, es ging nicht darum zu handeln, sondern darum sich selbst besser zu fühlen, bzw. das eigene Ego hochzupushen...


    Danke für die Richtigstellung des Videos, diese Fehlinformationen regen mich durchaus auf.
    (Reply) (Thread) (Link)
    aspergergermany[info]aspergergermany on November 28th, 2007 09:34 pm (UTC)
    Vielen Dank für deine Rückmeldung.

    Bestimmte Dinge, die für andere vielleicht offensichtlich sind, erwecken eine besondere Empfindlichkeit beim Asperger. Viele Asperger haben dabei den "sezierenden Blick". Den brauchen sie auch, um zu überleben, da viele von Natur aus sehr gutgläubig sind und grundsätzlich jeden Mist erstmal glauben.

    Die erste Regel, die ich bereits erfolgreich abgeleitet habe, lautet: Sofern nicht ganz offensichtliche Gründe dagegen sprechen, bedeutet jede Äußerung im täglichen Gespräch mit hinreichender Wahrscheinlichkeit erstmal das Gegenteil: Freut mich, Sie zu sehen.
    (Reply) (Parent) (Thread) (Link)
    veiledrachel2 on December 3rd, 2007 08:46 pm (UTC)
    Firstly, I apologize for writing in English but I do not know enough German to write in it. While those of us with Aspergers may not feel compassion the same way that many people do, I do not think it is fair to say that having Aspergers means not being able to feel compassion at all. Certainly one way to be compassionate is to feel viscerally and emotionally an understanding of the emotions felt by the person who is the object of one's sympathy. But even absent this emotion one can realize intellectually that something is causing another person suffering and can want to do something to alleviate that suffering. Is that realization and desire the same thing as compassion in that it has the same results? Moreover, who is to say that the person who believes he or she is feeling the pain of another is perceiving what the other person feels correctly? Maybe they may be correct much of the time, but would they not be better off asking the other person their thoughts and feelings instead of assuming? I see Aspergers as limiting us in our ability to make those emotional assumptions, in that we are wrong more often than other people. But other people are not always right either, and maybe the whole world would be better off if everybody asked instead of assuming. Anyway, I'm rambling, but what I wanted to express, but am doing badly, is that the difference in how something is felt or experienced does not always change the result and I do not think it does in this case.
    (Reply) (Thread) (Link)
    aspergergermany[info]aspergergermany on December 4th, 2007 02:12 pm (UTC)
    Hey, kewwel !! Thanks for your reply. You do not ramble at all. You summarize the things I say in my blog in your own words. Soon I will write in English as well. This blog here is meant to inform my classmates. As there seem to be interested individuals, I will start to write in English as well. I am planning to write about how awkwardly the German public opinion officially treats Aspergers and other "handicapped" people. I think they got some skeletons in their closet as I believe the German public opinion to be still deeply conformist and secretly hostile against those who are "different". Thanks again for your comment.
    (Reply) (Parent) (Thread) (Link)
     

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