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02 February 2008 @ 01:07 pm
Rechenschwäche - philosophische Aspekte  
Trotz gutgemeinter, aber leider fehlgeschlagener Hilfsangebote muss ich bei Gelegenheit meine Neurologin aufsuchen wegen Störungen in der räumlichen Wahrnehmung (nicht Vorstellungskraft) und neurologisch mitbedingter Rechenschwäche. Es sind Momente wie diese, in denen man sich trotz Verständnis und Hilfsversuche hundeelend und alleingelassen fühlt. Wahrscheinlich sind dies auch die Situationen, in denen man anfängt nachzudenken. Vielleicht muss man rechenschwach sein, um anzufangen, über Rechenschwäche zu philosophieren. Vielleicht hilft die Reflexion aber auch dabei, die gesellschaftliche Bedeutung von Rechenschwäche besser zu verstehen.




Ähnlich wie Deutsch gehört Mathematik in der Schule zu den "ganz grundlegenden Fächern". Rechenschwäche wird ausgelöst durch einen Hirnschaden im Stirnhirnbereich. Obwohl man ohne Mathematik angeblich nicht durchs Leben kommt, ist es keineswegs so, dass diejenigen, die diesen Hirnschaden haben, aufgrund dieses Schadens Schaum vorm Mund bekommen und aufgrund von Rechenschwäche ganz plötzlich tot umfallen. Anders als die Sprache, die für das menschliche Zusammenleben ganz grundlegend ist und deren richtiger Gebrauch gerade für Autisten brennend wichtig ist, beschäftigt sich die Mathematik mit gedachten Strukturen, die verändert werden können. Die Summe der Innenwinkel im Dreieck beträgt 180 Grad. Richtig. Immer richtig? Die Summe der Innenwinkel im Dreieck kann größer, kleiner oder gleich 180 Grad sein, je nachdem, ob sich das Dreieck auf einer Kugelfläche, Sattelfläche oder Ebene befindet. Wer hingegen in eine Scheibe Brot beißen möchte, muss Brot sagen und nicht Tischplatte, obwohl sicherlich durchaus Zusammenhänge denkbar sind, in denen auch mal Brot = Tischplatte ist.

Ein weiterer Aspekt, ist dass Mathematik berufsbezogen sei. Die berufsbezogenen mathematischen Fähigkeiten für nichttechnische Berufe besitzt man allerdings nach dem Ende der Grundschule. Alles darüber Hinausgehende werden die meisten Menschen niemals anwenden. Andere mathematische Themen, die vielleicht berufsbezogen sein könnten, würden interessanter daherkommen, durch Herstellung der Zusammenhänge zu Ingenieurwesen, Computertechnik oder etwa Glücksspiel.

Wenn also die (höheren) mathematischen Kenntnisse nicht praxisrelevant sind, bleibt das Argument, dass Mathematikunterricht das Denken fördere. Ist das zutreffend? Mathematikunterricht ist mehr ein soldatisches Durchexerzieren, hier erlernen wir alles, was wir im Leben brauchen. Das haben wir schon immer so gemacht. Das ist eben so. Obwohl das Begreifen von Zusammenhängen zwischen dem Zerlegen in das Allereinfachste und dem erneuten Aufbauen des Komplexen hin- und herwandelt, und ein Sachverhalt am besten zu erklären ist, wie wenn man sie einem Unwissenden erklären würde, wissen Mathematiklehrer, dass sie sich das tatsächliche Unterweisen nicht zu kümmern brauchen, da Gruppendruck und Reaktionen der Mitschüler die notorischen Fragen der angeblich Dummen früher oder später wirksam unterbindet. Nicht rechnen zu können ist auch nicht anders als, sagen wir, nicht singen zu können. Aber auch bei nicht "neurologisch Rechenschwachen" schleppen sich einmal entstandene Lücken durch Kompensieren und / oder stupides Auswendiglernen immer weiter, bis es eben nicht mehr geht, und die Betreffenden sind dann eben dumm oder faul, wenn das beständige Kompensieren – und sei es nach Ende der Schulzeit – irgendwann nicht mehr funktioniert.

Aber wenn es der Zweck der Schulmathematik nicht ist, Wissen zu unterrichten, wird durch den Mathematikunterricht dennoch etwas vermittelt. Hier werden die Grundsteine für das gelegt, für das, was wir im Leben brauchen. Mathematik soll keinen Spaß machen, weil auch das Leben keinen Spaß machen soll. Effizienz, Gehorsam, Abarbeiten nach Vorschrift, ohne zu fragen warum. In dem Science-Fiction-Film The 13th Floor, in dem es um Computer generierte Paralleluniversen geht, landet der autistisch angehauchte Protagonist auf seiner virtuellen Reise ausgerechnet im Körper eines Bankangestellten. Und dessen Vorgesetzter schickt ihn prompt "in die Mittagspause", weil Douglas ein "Träumerle" ist.

Hier greift auch die Rache der Normalen gegenüber den Klischee-Autisten wie Rain Man, dem Wunderkind Tate, oder dem Zahlengenie Daniel Tammet die männlich / mathematisch begabt sind und nun ihrerseits die mathematisch Normalbegabten in die Tasche stecken. Personen, die Frauen und / oder sehr sprachbegabt sind und aufgrund dessen gut Konversation betreiben können oder ungewöhnliche Freundschaften eingehen, unterfallen nicht dem Klischee Autismus. Ebenso nicht die Zeichenkunst und Liebe des Wunderkindes Tate für klassische Gemälde, oder die Musik von Johann Sebastian Bach, deren Klangkonstrukte so mathematisch perfekt wirken, dass sie sogar gut klingen, wenn man sie rückwärts abspielt.

Rain Man, das Wunderkind Tate und Daniel Tammet haben zwar die Mathematik, aber wir haben Licht, Luft, Liebe und Sonnenschein. Und die Rechenschwachen. Aber so dumm wie die Rechenschwachen sind wir nun wirklich nicht.

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