Frage: Ich habe einen Asperger in meiner Klasse und möchte ihn gerne ärgern. Ich weiß aber nicht, wie ich das anstellen soll. Einen Rollstuhlfahrer kann man ja wenigstens noch die Treppe runterschubsen, aber wie mache ich eigentlich einen Autisten fertig? Asperger sind ja immer so unnahbar, die reden ja nicht mal.
Hierzu eine kleine Geschichte, die natürlich frei erfunden ist:
Liebe Klasse, nachdem wir in der letzten Stunde den Buchstaben C wie Champion behandelt haben, kommen wir in dieser Stunde zum nächsten Kapitel. Bitte schlagen Sie Ihre Lehrbücher auf S. 43 auf. Was steht da? Richtig, D wie Demütigung. Wer kann mir sagen, was eine Demütigung ist?
Zunächst müssen wir definieren, was in der Wissenschaft unter einer Demütigung zu verstehen ist. Zum Mitschreiben: "Demütigende Bemerkungen oder Handlungen zielen darauf ab, eine Person in ihren Gefühlen zu verletzen, sie zu verärgern, wütend zu machen oder zu erniedrigen." – Da Demütigen per Definition dazu dient, Leute dazu zu bringen, sich schlecht zu fühlen, handelt es sich offenbar um unsensibles Verhalten. Personen, die dieses unsensible Verhalten zeigen, können trotz ihrer hohen, manchmal sehr hohen Intelligenz leider niemals … ach, vergessen wir das lieber. Wiederholen wir lieber noch einmal: Also, verständnisvolles Verhalten ist empathisch; unempathisches Verhalten ist das Gegenteil davon.
Lesen wir nun gemeinsam den Abschnitt, der auf der S. 50 unten beginnt. Was ist das Thema dieses Absatzes? Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Sehr gut, steht ja auch dort geschrieben. Bitte lesen Sie uns die Absätze laut vor:
"Mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder "ADIDAS", wie man es heute nennt, ist eine Krankheit, die zu mangelnder Konzentrationsfähigkeit führt. Letzterer Begriff suggeriert natürlich schon von ganz allein, dass der Mensch einen ganz bestimmten Vorrat davon hat und dass es eine ganz bestimmte Menge an Konzentrationsfähigkeit gibt, die 'genau richtig' ist. Das bedeutet einerseits, dass einem die Konzentrationsfähigkeit durchaus ausgehen kann, und andererseits, dass man auch zuviel davon haben kann, obwohl es ja keine Krankheit gibt, die man als 'übermäßige Konzentrationsfähigkeit' bezeichnet – zumindest so lange nicht, wie sich kein Medikament zu deren Bekämpfung auf dem Markt befindet. Menschen, die behaupten, an "ADIDAS" zu leiden, nehmen ihre Krankheit sehr ernst und führen alles von vergeigten Prüfungen bis hin zu gescheiterten Beziehungen auf sie zurück.
Man sollte meinen, es wäre leicht, dieses Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Immerhin haben wir es hier mit einer Krankheit zu tun, für die es keine objektiven Messwerte zur Kategorisierung der Patienten gibt, sondern lediglich eine Liste mit Symptomen, die so vage sind, dass die Vertreter in den Vorstandsetagen der Pharmakonzerne feuchte Slips kriegen und jeden Tag, den Gott werden lässt, neue Medikamente zur Behandlung dieser Krankheit auf den Markt werfen.
Das Schwierigste an der Demütigung von Personen, die unter "ADIDAS" 'leiden', ist jedoch, dass sie immer eine Ausrede haben, denn wie alle Menschen lieben sie nichts mehr, als äußere Faktoren für eigene Unzulänglichkeiten verantwortlich zu machen… Verstehen Sie? Jeder hat das Zeug zum Opfer!
Auch wenn es schwer ist, zu diesen melodramatisch Leidenden durchzudringen, so ist es doch nicht unmöglich. Beginnen Sie zunächst mit einer starken, provokanten Aussage wie: 'ADIDAS gibt es nicht. ' Sinngemäß wird man Ihnen so was entgegnen wie: 'Aber meine Mutter hat es auch, ich hab's von ihr.' Beachten Sie bitte, dass in dieser Antwort keinerlei Aussage steckt, vielmehr wird nur die ursprüngliche Behauptung noch einmal wiederholt. Bestehen Sie folglich auf eindeutigen Beweisen, dass die betreffende Person tatsächlich an "ADIDAS" leidet. Es mag hilfreich sein, darauf hinzuweisen, dass selbst der Hersteller eines beliebten Arzneimittels, das zur Behandlung von "ADIDAS" eingesetzt wird, auf seiner Website schreibt: 'Die genaue Wirkungsweise des Medikaments ist nicht bekannt.'
Haben Sie Ihre Zielperson erst einmal in die Ecke gedrängt, hören Sie sofort auf und machen Sie Zugeständnisse. Das mag Ihnen gegen den Strich gehen, ist aber die notwendige Voraussetzung" – Oh, ich sehe gerade, die Stunde ist gleich zu Ende. Bitte lesen Sie bis nächste Woche das gesamte Kapitel noch einmal von Anfang bis Ende, unterstreichen Sie jedes dritte Wort rosa und reden Sie darüber, was Sie dabei gefühlt haben. Nächste Woche schreiben wir darüber eine Klassenarbeit.
***
nach: Maddox: "Das Alphabet des echten Mannes", ISBN 978-3-453-49509-7
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Hierzu eine kleine Geschichte, die natürlich frei erfunden ist:
Liebe Klasse, nachdem wir in der letzten Stunde den Buchstaben C wie Champion behandelt haben, kommen wir in dieser Stunde zum nächsten Kapitel. Bitte schlagen Sie Ihre Lehrbücher auf S. 43 auf. Was steht da? Richtig, D wie Demütigung. Wer kann mir sagen, was eine Demütigung ist?
Zunächst müssen wir definieren, was in der Wissenschaft unter einer Demütigung zu verstehen ist. Zum Mitschreiben: "Demütigende Bemerkungen oder Handlungen zielen darauf ab, eine Person in ihren Gefühlen zu verletzen, sie zu verärgern, wütend zu machen oder zu erniedrigen." – Da Demütigen per Definition dazu dient, Leute dazu zu bringen, sich schlecht zu fühlen, handelt es sich offenbar um unsensibles Verhalten. Personen, die dieses unsensible Verhalten zeigen, können trotz ihrer hohen, manchmal sehr hohen Intelligenz leider niemals … ach, vergessen wir das lieber. Wiederholen wir lieber noch einmal: Also, verständnisvolles Verhalten ist empathisch; unempathisches Verhalten ist das Gegenteil davon.
Lesen wir nun gemeinsam den Abschnitt, der auf der S. 50 unten beginnt. Was ist das Thema dieses Absatzes? Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom? Sehr gut, steht ja auch dort geschrieben. Bitte lesen Sie uns die Absätze laut vor:
"Mangelnde Konzentrationsfähigkeit. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder "ADIDAS", wie man es heute nennt, ist eine Krankheit, die zu mangelnder Konzentrationsfähigkeit führt. Letzterer Begriff suggeriert natürlich schon von ganz allein, dass der Mensch einen ganz bestimmten Vorrat davon hat und dass es eine ganz bestimmte Menge an Konzentrationsfähigkeit gibt, die 'genau richtig' ist. Das bedeutet einerseits, dass einem die Konzentrationsfähigkeit durchaus ausgehen kann, und andererseits, dass man auch zuviel davon haben kann, obwohl es ja keine Krankheit gibt, die man als 'übermäßige Konzentrationsfähigkeit' bezeichnet – zumindest so lange nicht, wie sich kein Medikament zu deren Bekämpfung auf dem Markt befindet. Menschen, die behaupten, an "ADIDAS" zu leiden, nehmen ihre Krankheit sehr ernst und führen alles von vergeigten Prüfungen bis hin zu gescheiterten Beziehungen auf sie zurück.
Man sollte meinen, es wäre leicht, dieses Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Immerhin haben wir es hier mit einer Krankheit zu tun, für die es keine objektiven Messwerte zur Kategorisierung der Patienten gibt, sondern lediglich eine Liste mit Symptomen, die so vage sind, dass die Vertreter in den Vorstandsetagen der Pharmakonzerne feuchte Slips kriegen und jeden Tag, den Gott werden lässt, neue Medikamente zur Behandlung dieser Krankheit auf den Markt werfen.
Das Schwierigste an der Demütigung von Personen, die unter "ADIDAS" 'leiden', ist jedoch, dass sie immer eine Ausrede haben, denn wie alle Menschen lieben sie nichts mehr, als äußere Faktoren für eigene Unzulänglichkeiten verantwortlich zu machen… Verstehen Sie? Jeder hat das Zeug zum Opfer!
Auch wenn es schwer ist, zu diesen melodramatisch Leidenden durchzudringen, so ist es doch nicht unmöglich. Beginnen Sie zunächst mit einer starken, provokanten Aussage wie: 'ADIDAS gibt es nicht. ' Sinngemäß wird man Ihnen so was entgegnen wie: 'Aber meine Mutter hat es auch, ich hab's von ihr.' Beachten Sie bitte, dass in dieser Antwort keinerlei Aussage steckt, vielmehr wird nur die ursprüngliche Behauptung noch einmal wiederholt. Bestehen Sie folglich auf eindeutigen Beweisen, dass die betreffende Person tatsächlich an "ADIDAS" leidet. Es mag hilfreich sein, darauf hinzuweisen, dass selbst der Hersteller eines beliebten Arzneimittels, das zur Behandlung von "ADIDAS" eingesetzt wird, auf seiner Website schreibt: 'Die genaue Wirkungsweise des Medikaments ist nicht bekannt.'
Haben Sie Ihre Zielperson erst einmal in die Ecke gedrängt, hören Sie sofort auf und machen Sie Zugeständnisse. Das mag Ihnen gegen den Strich gehen, ist aber die notwendige Voraussetzung" – Oh, ich sehe gerade, die Stunde ist gleich zu Ende. Bitte lesen Sie bis nächste Woche das gesamte Kapitel noch einmal von Anfang bis Ende, unterstreichen Sie jedes dritte Wort rosa und reden Sie darüber, was Sie dabei gefühlt haben. Nächste Woche schreiben wir darüber eine Klassenarbeit.
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nach: Maddox: "Das Alphabet des echten Mannes", ISBN 978-3-453-49509-7
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