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aspergergermany
03 December 2007 @ 11:55 pm
Autistische Bürgerrechte  
Es gibt Menschen, die schreiben zu ihrem Geburtstag in ihr Tagebuch, dass es Sekt gab und was sie geschenkt bekommen haben. An meinem Geburtstag schreibe ich, dass ich meinem Chef den Satz: "Es wird einmal eine autistische Bürgerrechtsbewegung geben." an den Kopf geworfen habe. Leider habe ich mich etwas dumm angestellt, da ich noch keine richtige Konfrontationserfahrung habe und Hypersensibilität, wie alle Betroffenen wissen, in konkreten Konfliktsituationen ein leidiges Problem sein kann. Zum wirklich gnadenlosen Bladerunner fehlt mir also noch einiges. Eine Fähigkeit, die ich im Jobleben wahrscheinlich mal brauche. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich Gnadenlosigkeit auch wirklich besitzen will.

Ich habe kürzlich ein Buch über die Geschichte der psychosomatischen Krankheiten, insbesondere über die wechselvolle Geschichte der Hysterie gelesen. Zeigt eine Frau Unwillen, ist sie praktischerweise "hysterisch". Gleichzeitig ist ein bisschen Hysterie sozusagen Voraussetzung, da Frauen ja so einfühlsam für die Bedürfnisse der Gesellschaft sein sollen, oder neudeutsch, "empathisch", wie meine neuen Vokabeln lauten.

In einem anderen Buch über Neugeborenentötung habe ich gelesen, das "Hysterie" die weibliche Notwehrreaktion gegenüber männlich aufgepresste Geschlechterschemata darstelle. Bei mir liegt das Gegenteil vor, durch Testosteron programmierter Autismus. Vielleicht kommt es im Endeffekt ja auch aufs Gleiche heraus, und ich stecke nur in einem Körper fest, der nicht richtig zu meiner Geistesverfassung passt, und weiß nicht, wie ich beides ausgleichen soll.

Ich soll eine "Therapie" anfangen, und es wäre sehr mutig, dass ich mich dem Problem gestellt hätte. Gleichzeitig gefährde ich durch die Therapie meine Übernahmechancen, da niemand einen Azubi einstellen will, dessen Akte randvoll mit Entschuldigungszetteln ist, da er jede Woche einen Tag gefehlt hat. Ich kann es mir also aussuchen, Autismus bekämpfen und dafür von der Gesellschaft bestraft werden, oder Autismus nicht bekämpfen mit dem ungewissen Risiko, mal später bei der Buchhaltung einer Sachbearbeiterin auf die Zehen zu treten. Lieber Leser, wie würden Sie entscheiden? Die Gesellschaft sollte ihren Umgang mit psychisch Kranken iwS mal gründlich überdenken.

"Psychische Erkrankungen stellen ein zunehmendes Problem für die Europäische Union (EU) dar. Schätzungen zufolge ist mehr als einer von vier Europäern im Erwachsenenalter von psychischen Störungen betroffen. Sie sind die Hauptursache für die 58 000 Selbsttötungen pro Jahr und fordern damit mehr Opfer als Straßenverkehrsunfälle.

Die verbreitetsten psychischen Erkrankungen * sind Angst und Depression. Einigen Studien zufolge ist damit zu rechnen, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen in den Industriestaaten die zweithäufigste Ursache von Erkrankungen sein werden.

Nach wie vor kommt es zur Stigmatisierung psychisch Kranker. Psychisch kranke und geistig behinderte Personen stoßen auf Ablehnung und Vorurteile, die ihr persönliches Leiden vergrößern und ihre soziale Ausgrenzung verschärfen."

Quelle: http://europa.eu/scadplus/leg/de/cha/c11570c.htm


Mein Chef stellt mit Vorliebe die für Betroffene u. U. grausame Behauptung auf, dass er mir den Autismus nicht glaube, vermutlich mit der Begründung, ich sei kein Mathegenie. Richtig, ich bin ja kein Junge. Wäre ich ein junger Mann, dann stände die "Diagnose" Autismus wahrscheinlich überhaupt nicht, dann wäre ich stockgesund. Ich habe am Wochenende mit einem Freund stundenlang an einer Power Point herumgebastelt, und kam mir überhaupt nicht merkwürdig vor. Jungs spielen am Computer, und das ist ja auch gut so.

Im Zweifel für den Angeklagten, ich halte es für viel wahrscheinlicher, dass mein Chef mir glaubt, und nur irgendwelche merkwürdigen Dominanzspielchen mit mir spielt, die sich dem ungeübten Asperger nicht auf Anhieb erschließen. Ich würde mir diese Fähigkeiten gerne selbst aneignen; ohne mehrfache Anfängerfehler geht dies aber nicht.

Durch das Antreten einer Therapie würde ich jedoch nur meine hart erkämpfte, halbherzige Gruppenakzeptanz, die ich aber im Augenblick dringend brauche, aufs Spiel setzen. Jeder echte Asperger weiß, dass viele Neurotypische auf auftretende Unregelmäßigkeiten mit Getratsche reagieren, weil er dies selbst nicht tut.

Wo ist eine philosophische Weisheit, wenn man wirklich eine braucht?

***
Moderne Leiden. Zur Geschichte der psychosomatischen Krankheiten, von Edward Shorter, ISBN 3498062700)

Mütter, die töten. Psychoanalytische Erkenntnis und forensische Wahrheit von Annegret Wiese (ISBN 3770528492)

Grünbuch der Kommission vom 14. Oktober 2005: „Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern - Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union [KOM(2005) 484 endg. - Nicht im Amtsblatt veröffentlicht] ( http://europa.eu/scadplus/leg/de/cha/c11570c.htm)

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