Frage: Ist Asperger eigentlich eine seelische Behinderung? "Asperger" scheint im öffentlichen Bewußtsein so langsam
"Schizophrenie" als Synonym für Geisteskrankheit abzulösen. Die Listen mit Diagnosekriterien passen doch irgendwie auf jeden, oder? Sind wir nicht alle ein bißchen Asperger? Auch dank Dustin Hoffman in schauspielerischer Darstellung eines "tief in seiner eigenen Welt gefangenen" Menschen in
Rain Man scheint irgendwie jeder "das Eierkopf-Syndrom" beurteilen zu können, auch wenn keiner so richtig weiß, was es eigentlich ist. Wir erfreuen uns mit als Mitleid getarntem wohligen Gruseln an Dustin Hoffmann als babelnder Rechenmaschine und weiden uns mit stiller Genugtuung daran, dass
wir zumindest wissen, dass eine Tafel Schokolade keine hundert Dollar kostet. Gott sei dank sind
wir in der Geschichte nicht Dustin Hoffman; Gott sei dank sind
wir in der Geschichte eher Tom Cruise.*
Autismus gilt im öffentlichen Bewußtsein damit als
"Jungs-" oder
"Mathekrankheit". Bei der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitstörung / Asperger wird vielfach angenommen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Bewegungsfähigkeit / Bewegungsdrang und der Fähigkeit zur Einordnung in Gruppen [vgl. Stellungnahme zur 'Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS)'- Langfassung]
[1], ein Problem, das sich gravierend bei Jungs auswirken kann, etwa in der Schule:
"Der Unterricht erfordert zu 90% der Zeit Stillsitzen,
geistige Konzentration und
Unterdrückung der Motorik und der Bewegungsimpulse. Darüber hinaus wird rezeptives Verhalten gefördert und gefordert, da die Schüler
zu über 95% der Zeit zuhören und aufnehmen
anstatt zu sprechen und sich in Bewegung auszudrücken. Die traditionelle Lernform ist für Mädchen besser annehmbar als für Jungen, denn ihr Wunsch nach Bewegung, nach Ausdruck und Kräftemessen, der Wunsch nach Lernen über die Aktion ist weniger ausgeprägt …. So verwundert es nicht, dass die Diagnose ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) bei Jungen etwa dreimal häufiger als bei Mädchen gestellt wird. Vielleicht ist die sogenannte Hyperaktivität
aber gar keine Krankheit, sondern zeigt lediglich, dass Jungen einen verstärkten Drang nach wilden Bewegungen und der Erprobung ihrer Kräfte haben. Besser wäre es hier, das Schulsystem den Jungen anzupassen anstatt ihnen ihre Aggression und Bewegungsimpulse abzugewöhnen. Denn der Selbstwert der Jungen leidet enorm darunter.“
[2]Vergleichbares gilt unabhängig vom Geschlecht aber auch bei Aspergern. Es liegt auf der Hand, dass sich bei Aspergern weiblichen Geschlechts diese Rollenerwartung noch weitaus schwerwiegender auswirken kann, zum einen, da sie ohnehin nicht
„fügsam“ sein können und zum zweiten noch als Mädchen mit einwer doppelten Belastung fertig werden müssen. Sie müssen zum einen „brav“ sein und zum anderen gilt: -
„ein Mädchen macht das nicht“. Zudem geistert das Klischee vom Asperger als Mathe-bot durch die Medien
(Rain Man), welches in den meisten Fällen bei Asperger-Frauen gerade
nicht zutrifft. Sprachlich begabte Männer, die sich als Politiker oder Manager mit zwei linken Händen durchs Leben schlagen, haben
nicht mit dem Stigma einer angeblichen
„seelischen Behinderung“ zu kämpfen, da Ungeschicklichkeit bei Männern als niedliche Eigenschaft gilt, die den Mutterinstinkt auslöst.
Ich plädiere nicht dafür, das Faustrecht auf dem Schulhof wieder einzuführen bzw. durchzusetzen. Ich möchte aber auch nicht, dass die politische Korrektheit zu Ungunsten einer ganzen Klasse von Menschen zuschlägt. Ich würde mir wünschen, dass betroffene Asperger sich in geeigneten Bereichen, wie z. B. im musikalischen oder tänzerischen Bereich, persönlich Linderung verschaffen können. In einer Welt aber, in der von Plakatwänden glotzende Down-Syndrom-Personen und den einzelnen beständig daran erinnern, wie er zu sein hat, gefährdet ein übertriebener Schutz der Freiheit die Freiheit selber und verkehrt sie in Gegenteil. In den USA gilt, die
„Rasse“, in Deutschland die
„Behinderung“ als ethischer Lackmustest gesellschaftlicher Mehrheitsentscheiduingen. Ich hoffe im Interesse aller Menschen, dass das Mysterium der weiblichen Asperger ein wenig dabei hilft, politisch unpopuläre Geschlechtermythen in Zeiten der "Gleichberechtigung" ein wenig differenzierter zu sehen. Ansonsten könnte eine Zeit anbrechen, in der 50 % der Bevölkerung
„seelisch behindert“ sind.
[1] -
http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.7.47.3161.3163.3166[2] -
http://www.tantra.de/news/382/alpha-maedchen/Weitere Fragen ...___________________
* Eine gute Darstellung des Gefühlslebens, die Asperger außergewöhnlich nahekommt, ist z. B. "Heiße Nächte in Las Vegas" / "The Winner" aus dem Jahre 1996 - "Eine Gang von Losern, angeführt von Trickbetrüger Joey, gedenken, die jeder rationalen Erklärung spottende Glückssträhne des ebenso naiven wie bescheidenen Philip für sich selbst in klingende Münze zu verwandeln. Die einen versuchen es mit List, die anderen mit Druck, doch als es schließlich darauf ankommt, nimmt das Rattenrennen eine unverhoffte Wendung." - [ http://www.conrad.de/TV-SAT-DVD/the_winner_heisse.sap ]