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aspergergermany
02 February 2008 @ 01:07 pm
Rechenschwäche - philosophische Aspekte  
Trotz gutgemeinter, aber leider fehlgeschlagener Hilfsangebote muss ich bei Gelegenheit meine Neurologin aufsuchen wegen Störungen in der räumlichen Wahrnehmung (nicht Vorstellungskraft) und neurologisch mitbedingter Rechenschwäche. Es sind Momente wie diese, in denen man sich trotz Verständnis und Hilfsversuche hundeelend und alleingelassen fühlt. Wahrscheinlich sind dies auch die Situationen, in denen man anfängt nachzudenken. Vielleicht muss man rechenschwach sein, um anzufangen, über Rechenschwäche zu philosophieren. Vielleicht hilft die Reflexion aber auch dabei, die gesellschaftliche Bedeutung von Rechenschwäche besser zu verstehen.


Philosophische Aspekte der Rechenschwäche )
 
 
aspergergermany
23 December 2007 @ 04:26 pm
Autismus, Computersucht, Rechenschwäche  
"Es ist das Feuer des Leidens, welches das Gold der Heiligkeit hervorbringt!"
Madame Guyon – Mystikerin

Eine Kommilitonin hat mir einen Erbauungstext mit diesem Zitat geschenkt. Obwohl ich diesen Satz für den Allgemeingebrauch etwas abwandeln würde, empfinde ich doch gerade um die Weihnachtszeit etwas, das man durchaus als "Das Feuer des Leidens" bezeichnen könnte. Andere Menschen mit Autismus, die aufgrund ihrer Andersartigkeit um diese Zeit Probleme mit der Familienseligkeit haben, empfinden vielleicht genauso. Um die Weihnachtszeit begegnet vielleicht vielen von uns sehr viel gezähmtes "Licht", aber sehr wenig ursprüngliches "Feuer", dem eine reinigende Kraft zugeschrieben wird.

Akt I: Computersucht

Ich hab mir ein Buch über die "Computersucht" besorgt, welches man ebenso gut hätte betiteln können mit: "Wie erzeuge ich Autismus?" Es enthält sehr detaillierte Beschreibungen über die Veränderungen, die häufiges Computerspielen im Gehirn erzeugt, welche in ihrer Gesamtheit verdammt nach Autismus klingen. Ich bin davon überzeugt, dass solche Spiele die Intelligenz fördern. So basieren viele Spiele darauf, sich den Weg in einem Labyrinth einzuprägen und bestimmte Wege immer wieder vor- und zurückzugehen. Ich glaube, dies kommt der Tendenz von potentiell Hochbegabten entgegen, auch Wortinformationen als zwei- oder dreidimensionale räumliche Gebilde abzuspeichern und sich eher Vernetzungen (z. B. als Mind-Maps) einzuprägen. Vielleicht kann man mit solchen Spielen, maßvoll eingesetzt, Hochbegabung sogar antrainieren. Es würde die Anforderungen an die Aufnahme immer größerer Wissensmengen in Zukunft revolutionieren.

In bester Verdrängungsmanier erstreckt sich in der öffentlichen Meinung der Schutz vor dieser neuen Krankheit jedoch wieder mal nur auf "die Kinder" und nicht auf vielleicht zu spät erkannte betroffene Erwachsene. Auch von der hochgefährlichen Fernsehkrankheit hat noch keiner was gehört, obwohl sich Fernsehsendungen (Extremfall: MTV) immer weiter an das Wahrnehmungsmuster von ADHS-"Patienten" annähern (Mal ehrlich, wissen Sie noch, was vor 5 Minuten im Fernsehen lief?)

Auch sind von dieser ominösen Krankheit wieder mal nur Jungs betroffen – "Wer wird computersüchtig?" – "Weshalb sind Jungen besonders gefährdet?" – "Jungen sind von Anfang an empfindlicher" – "Hebammen und Geburtshelfer wissen schon lange, dass männliche Neugeborene im Allgemeinen konstitutionell vulnerabler und konstitutionell schwächer sind als weibliche …" Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass für die Hebamme / Pflegerin / Grundschullehrerin das gegengeschlechtliche Kind oder Baby als Liebesobjekt erwünschter ist. Also, wenn Sie zu begabt oder zu sensibel oder sogar behindert sind, aber ein Mädchen, halten Sie die Klappe, damit unseren Jungs die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird, die sie so dringend brauchen.

Ich habe als Teenager sehr gerne gespielt. Meine Lieblingsspiele zu jener Zeit waren die Grand Theft Auto Reihe, insbesondere GTA 1 und Vice City. Ich spiele inzwischen sehr selten, weil ich die Reaktionen des Computers irgendwann vorhersehbar fand. Neuere Online-Rollenspiele wie World of Warcraft, bei denen hinter den Avataren echte Spieler stehen, sollen diesen Nachteil nicht mehr bieten. Wer möchte nicht mit William Shatner und Mr. T., vorgeblichen World of Warcraft Spielern, gegen Fantasywesen zu Felde ziehen? Ich fühle mich der Computerspiel-Subkultur noch immer irgendwie verbunden. Ich weiß auch, dass diese Spiele überwältigende Gefühle auslösen können. Ich erinnere mich noch immer daran, dass ich alle Level der damals aktuellen Version von Doom gespielt hatte und enttäuscht war, weil man das Spiel im eigentlichen Sinn nicht gewinnen konnte.


Akt II: Lernbehinderung

Die bösen Dinge, die Computerspiele mitauslösen sollen, etwa "Verhaltensgestörtheit" oder "Lernbehinderung" treten stärker bei Jungs nach außen, was natürlich wieder Mal heißt, dass sie bei Mädchen nicht auftreten. Mädchen erleben stattdessen "Beziehungskonflikte". Ähnliches gilt für Rechenschwäche, was bei Mädchen einfach irgendwie dazu gehört.

Ich bin mit bemerkenswerter Inkonsequenz erzogen worden. Einerseits habe ich schon als Jugendliche im Kleinunternehmen meiner Familie gewisse Einblicke und Erklärungen in wirtschaftliche Problemstellungen erhalten, immer zusammen mit dem "Leistungsgedanken". Gleichzeitig wurde dieser Anspruch im letzten Augenblick immer wieder abgebogen, da die Unternehmensführung ja im Kern der Anspruch des Unternehmensführers über die erweiterte Familie (Belegschaft) ist, in dem "die Weiber" nichts zu suchen haben. Gleichzeitig wurde ich damit betraut, immer nett, freundlich und zuvorkommend zur Kundschaft zu sein, was für viele Empathisch-Blinde gefährliches Terrain ist. Es liegt auf der Hand, wie diese letztlich unvereinbaren Ansprüche zur totalen Verunsicherung und zur Ausbildung/Verstärkung einer "Lernbehinderung" führen konnten.

So schien die Tatsache, dass ich jedes Mal falsch addierte und die Mehrwertsteuer falsch berechnete, weil ich bildliche Vorstellungen von Mengen und Verhältnissen (gefülltes Glas, zerteilte Torte) einfach nicht mit Zahlen in Verbindung bringen konnte, das Unterrichten in wirtschaftsrelevanten Problemstellungen ungefährlich zu machen, weil ich ja "dusselig" war. Jetzt, wo ich, wie ärztlich erwiesen, nicht mehr "dusselig" bin, wird mir auf Einmal von Zuhause aus nichts mehr erklärt, weil ich ja verstehen könnte, was eine nicht zu unterschätzende Bedrohung (für wen?) darstellt.

Von "hysterisch" zu "lernbehindert" aufzusteigen kommt in diesem Fall geradezu einem Statuswechsel gleich. Da ich das Glück einer gewissen Rücksichtnahme habe und im Hochschulbereich Dozenten häufiger anzutreffen sind, lösen sich gewisse Dinge, wenn auch quälend langsam. Es ist die Überlegung wert, dass sich ein Mensch vielleicht vor Buchhaltung und Bilanzen auch deswegen tödlich fürchtet, wenn ein Leben lang suggeriert worden ist, dass man in diesem Bereich nichts zu suchen hat.


"Geistlicher Kampf ist nicht etwas, über das wir reden; es ist etwas, das wir tun. Wie tun wir das? Wir tun es, indem wir alle zerstörerischen Bindungen - bewusste und unbewusste - brechen, die über dem Leben der Menschen liegen. Wir tun das, indem wir die Autorität über Krankheit des Verstandes, des Körpers und Geistes brechen. Wir tun das, indem wir uns gegen jede “Höhe” wenden, die unseren Fortschritt in Gott behindert. Wir tun es, indem wir Dämonen austreiben. Wir tun es, indem wir uns gegen alle soziale Bosheit und institutionelle Ungerechtigkeit wenden."
(Aus einem religiösen Blog)



Probleme von Autisten in der Schule mildern
http://www.autismus-mfr.de/_pdf/asperger.pdf

Ein Artikel über Rechenschwäche
http://texte.lerntherapie-braunschweig.de/CC_2007-10.pdf

Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien
von Wolfgang Bergmann und Gerald Hüther, ISBN-10: 3530422126, ISBN-13: 978-3530422122

Geschlechtsspezifische Sozialisation. Zur Bedeutung von Angst und Aggression in der Entwicklung der Geschlechtsidentität. Eine Studie im Frauenhaus, von Angelika Henschel, ISBN-10: 3786716684 ; ISBN-13: 978-3786716686

Häufige Fragen ...
 
 
aspergergermany
04 November 2007 @ 05:44 pm
Asperger und ADHS als Jungskrankheit - Dyskalkulie  
Frage: Ist Asperger eigentlich eine seelische Behinderung?

"Asperger" scheint im öffentlichen Bewußtsein so langsam "Schizophrenie" als Synonym für Geisteskrankheit abzulösen. Die Listen mit Diagnosekriterien passen doch irgendwie auf jeden, oder? Sind wir nicht alle ein bißchen Asperger? Auch dank Dustin Hoffman in schauspielerischer Darstellung eines "tief in seiner eigenen Welt gefangenen" Menschen in Rain Man scheint irgendwie jeder "das Eierkopf-Syndrom" beurteilen zu können, auch wenn keiner so richtig weiß, was es eigentlich ist. Wir erfreuen uns mit als Mitleid getarntem wohligen Gruseln an Dustin Hoffmann als babelnder Rechenmaschine und weiden uns mit stiller Genugtuung daran, dass wir zumindest wissen, dass eine Tafel Schokolade keine hundert Dollar kostet. Gott sei dank sind wir in der Geschichte nicht Dustin Hoffman; Gott sei dank sind wir in der Geschichte eher Tom Cruise.*

Autismus gilt im öffentlichen Bewußtsein damit als "Jungs-" oder "Mathekrankheit". Bei der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitstörung / Asperger wird vielfach angenommen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Bewegungsfähigkeit / Bewegungsdrang und der Fähigkeit zur Einordnung in Gruppen [vgl. Stellungnahme zur 'Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS)'- Langfassung] [1], ein Problem, das sich gravierend bei Jungs auswirken kann, etwa in der Schule:

"Der Unterricht erfordert zu 90% der Zeit Stillsitzen, geistige Konzentration und Unterdrückung der Motorik und der Bewegungsimpulse. Darüber hinaus wird rezeptives Verhalten gefördert und gefordert, da die Schüler zu über 95% der Zeit zuhören und aufnehmen anstatt zu sprechen und sich in Bewegung auszudrücken. Die traditionelle Lernform ist für Mädchen besser annehmbar als für Jungen, denn ihr Wunsch nach Bewegung, nach Ausdruck und Kräftemessen, der Wunsch nach Lernen über die Aktion ist weniger ausgeprägt …. So verwundert es nicht, dass die Diagnose ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) bei Jungen etwa dreimal häufiger als bei Mädchen gestellt wird. Vielleicht ist die sogenannte Hyperaktivität aber gar keine Krankheit, sondern zeigt lediglich, dass Jungen einen verstärkten Drang nach wilden Bewegungen und der Erprobung ihrer Kräfte haben. Besser wäre es hier, das Schulsystem den Jungen anzupassen anstatt ihnen ihre Aggression und Bewegungsimpulse abzugewöhnen. Denn der Selbstwert der Jungen leidet enorm darunter.“ [2]

Vergleichbares gilt unabhängig vom Geschlecht aber auch bei Aspergern. Es liegt auf der Hand, dass sich bei Aspergern weiblichen Geschlechts diese Rollenerwartung noch weitaus schwerwiegender auswirken kann, zum einen, da sie ohnehin nicht „fügsam“ sein können und zum zweiten noch als Mädchen mit einwer doppelten Belastung fertig werden müssen. Sie müssen zum einen „brav“ sein und zum anderen gilt: - „ein Mädchen macht das nicht“. Zudem geistert das Klischee vom Asperger als Mathe-bot durch die Medien (Rain Man), welches in den meisten Fällen bei Asperger-Frauen gerade nicht zutrifft. Sprachlich begabte Männer, die sich als Politiker oder Manager mit zwei linken Händen durchs Leben schlagen, haben nicht mit dem Stigma einer angeblichen „seelischen Behinderung“ zu kämpfen, da Ungeschicklichkeit bei Männern als niedliche Eigenschaft gilt, die den Mutterinstinkt auslöst.

Ich plädiere nicht dafür, das Faustrecht auf dem Schulhof wieder einzuführen bzw. durchzusetzen. Ich möchte aber auch nicht, dass die politische Korrektheit zu Ungunsten einer ganzen Klasse von Menschen zuschlägt. Ich würde mir wünschen, dass betroffene Asperger sich in geeigneten Bereichen, wie z. B. im musikalischen oder tänzerischen Bereich, persönlich Linderung verschaffen können. In einer Welt aber, in der von Plakatwänden glotzende Down-Syndrom-Personen und den einzelnen beständig daran erinnern, wie er zu sein hat, gefährdet ein übertriebener Schutz der Freiheit die Freiheit selber und verkehrt sie in Gegenteil. In den USA gilt, die „Rasse“, in Deutschland die „Behinderung“ als ethischer Lackmustest gesellschaftlicher Mehrheitsentscheiduingen. Ich hoffe im Interesse aller Menschen, dass das Mysterium der weiblichen Asperger ein wenig dabei hilft, politisch unpopuläre Geschlechtermythen in Zeiten der "Gleichberechtigung" ein wenig differenzierter zu sehen. Ansonsten könnte eine Zeit anbrechen, in der 50 % der Bevölkerung „seelisch behindert“ sind.

[1] - http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=0.7.47.3161.3163.3166

[2] - http://www.tantra.de/news/382/alpha-maedchen/

Weitere Fragen ...
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* Eine gute Darstellung des Gefühlslebens, die Asperger außergewöhnlich nahekommt, ist z. B. "Heiße Nächte in Las Vegas" / "The Winner" aus dem Jahre 1996 - "Eine Gang von Losern, angeführt von Trickbetrüger Joey, gedenken, die jeder rationalen Erklärung spottende Glückssträhne des ebenso naiven wie bescheidenen Philip für sich selbst in klingende Münze zu verwandeln. Die einen versuchen es mit List, die anderen mit Druck, doch als es schließlich darauf ankommt, nimmt das Rattenrennen eine unverhoffte Wendung." - [ http://www.conrad.de/TV-SAT-DVD/the_winner_heisse.sap ]
 
 
 
 

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