"Amphibion du, das in zwei Elementen stets lebet,
Schwanke nicht länger
und wähle dir endlich
ein sichres Geschlecht."
(Heinrich von Kleist)
This made no sense. Maybe it was only their souls, not their brains, that were so different? The one article he'd been sure was a man's work turned out to be by a Betan hermaphrodite, a sex which hadn't even existed when the Founding Fathers had fled to Athos, and where did they fit in? He lost himself for a while, imagining the flap in Athosian Customs should such a creature present itself for entry … (Lois McMaster Bujold, Ethan of Athos)
Nach der Verteidigung der Identität und der schleichenden Abwandlung des Leibes (der Leib ist die mentale Projektion des Körpers, vgl. in etwa Phantomschmerz bei Beinamputierten) folgt nun der Schritt, ein Geschlecht für andere zu sein. Ich habe bisher bei jedem Schritt gesagt, es wäre der härteste, und wahrscheinlich werden die Anforderungen bei jedem Schritt höher. Diese Phase, ist wie jede, kritisch, aber sie greift zurück auf vergangene Erlebnisse. Es ist verdammt schwer, diese Phase ohne Rückfall schlüssig zu gestalten.
Als Frauen Geborene haben dabei das Problem, dass sie, ohne es zu wollen, anatomische Zeichen der Bedürftigkeit mit sich herumtragen. Eine Frau, die ein weibliches Kind gebiert, ist immer zugleich Zeugende und Gezeugte. Nach dem Grundsatz der Selbstähnlichkeit kann man Mutter und weibliches Kind in gewisser Weise "vertauschen", und auch Enkelin, Mutter, Großmutter sind in gewisser Weise "austauschbar". Deswegen bilden Frauen eher organisatorische Ringe und weniger Hierarchien.
Ein Sohn hingegen hat nur einen Vater und genau einen Vater. Ihre Rollen sind auch nicht austauschbar. Man könnte z. B. im Christentum die Rollen von Sohn und Vater nicht vertauschen, ohne dass Blödsinn herauskäme.
Jemand hat mir die sehr schlaue Frage gestellt, warum die hyper male brain hypothesis nicht die potentielle Hyperemotionalität autistischer Männer erkläre. Ich kann diese Frage erst in meinem jetzigen Gesundheitszustand versuchen zu beantworten. Ich bin nach eingehenden Betrachtungen der Ansicht, dass männlich und weiblich geborene Asperger mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben und in erster Linie Asperger sind. Da wir aber kulturell auf einem Auge blind sind, greifen gegenüber weiblich geborenen Aspergern viel härtere Sanktionsmaßnahmen, so dass es in erster Linie die weiblich geborenen Asperger sind, die Schützenhilfe durch die Wissenschaft brauchen. Irrtum vorbehalten, aber männlich geborene Asperger schlagen sich in ziemlich vielen Fällen unerkannt und erfolgreich von alleine durch, weil überhaupt niemand auf die Idee käme, sie für Asperger abzustrafen.
Jedenfalls ist es für mich nicht einfach, mich schlüssig und unwiderruflich auf nur ein Geschlecht festlegen zu müssen. Betroffene, die die geringste Unstimmigkeit aufweisen, werden in den Topf "Geschlechtsidentitätsstörung" geschmissen und "zu ihrer eigenen Heilung" totgequatscht. Ich lass mich gern korrigieren, aber meines Wissens hatten die Androgynen noch im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1774, wohl unter dem Einfluss der Knabenverstümmelung für die höfische Oper, ihren eigenen Status. Kurz darauf kam die Aufklärung und all das Segensreiche, was wir heute noch haben. Ich lese gerade ein Werk von Kleist, der den Status Quo mit solcher Vehemenz vertritt, dass man sich ernsthaft fragen muss, ob er sich in seinem krampfhaften Machismo selber über sich nicht so ganz sicher war. Es wäre das Schlimmste für einen "Heranwachsenden" wie mich, vergleichbar zu enden, insbesondere, da die überzogene Vertretung der Identität die Unauthentischen unter den Authentischen lebenslang verrät.
Ich habe mal einen Film mit Julia Roberts angesehen, Erin Brockovich. In diesem Film ging es um einen vertuschten Umweltskandal, der zu katastrophalen Krebsfällen führte. Eine Schauspielerin stellte eine Patientin dar, der aufgrund einer Chromvergiftung sämtliche Geschlechtsmerkmale chirurgisch entfernt werden mussten. Sie fragte Julia Roberts' Figur, ob sie dann noch eine richtige Frau wäre, und "Julia Roberts" gab ihr eine freundliche Antwort. Welche Antwort hätte ihr diese Abgöttin des gehobenen Zickentums, die wahrscheinlich für die meisten Frauen als Identifikationsfigur dient, mit ihrer makellosen Gestalt auch sonst geben sollen?
Vielleicht ist es ja jene unstillbare, bohrende, unweibliche Asperger-Neugier in mir, jenes "sezierende Auge", aber auf die Antwort auf jene eine Frage warte ich heute noch.
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